Ist der Pressekodex 12.1 noch zeitgemäß?

Pressekodex – 12. Diskriminierungen

Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.

Pressekodex – 12.1 Berichterstattung über Straftaten

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Preesekodex 12.1 vs. "Zensur"

Pressekodex 12.1 oder „Zensur“ – Bevormundung der Leser?

Der Pressekodex (Publizistische Grundsätze) ist eine Sammlung journalistisch-ethischer Grundregeln, die der Deutsche Presserat 1973 vorgelegt hat. Im Kollegenkreis hatten wir – wieder einmal – eine Diskussion über den Punkt 12.1. Soll die Nationalität der Verdächtigen bzw. Beschuldigten genannt werden oder nicht? Für die Richtlinie 12.1 gibt es sogar eine noch ältere Variante als den Pressekodex selbst, nämlich aus dem Jahr 1971. Anlass war damals die regelmäßige Nennung der Hautfarbe in der Berichterstattung über Straftaten amerikanischer GIs, die als diskriminierend empfunden wurde.

Beispiel heute – welche Überschrift wäre für Sie als Leser richtig?:

  1. Zwei Männer sollen sich im Spaßbad an zwei Mädchen vergangen haben.
  2. Zwei Flüchtlinge sollen sich im Spaßbad an zwei Mädchen vergangen haben.
  3. Zwei afghanische Flüchtlinge sollen sich im Spaßbad an zwei deutschen Mädchen vergangen haben.

Und wie sollte die Überschrift lauten, wenn sich herausstellt, dass die Vorwürfe offensichtlich nicht haltbar sind, weil von den Mädchen erfunden? Das ist jetzt in Hamburg passiert: „Richterin Claudia Naumann hob die Haftbefehle gegen die beiden Beschuldigten ‚mangels dringenden Tatverdachts‘ auf“.

Die Kritiker der geltenden Regel 12.1 sehen in der Nennung der Nationalität eines Straftäters eine wichtige Zusatzinformation und fühlen sich bzw. die Leser dadurch bevormundet, wenn sie nicht genannt wird. Die Crux dabei ist, dass selbst angesehene Medien den Punkt 12.1 unbeachtet lassen und Informationen so weitergeben, wie sie sind. Den Sachbezug überlassen sie dem mündigen Leser. Sicher können so Vorurteile geschürt werden, anderseits möchte sich der mündige Leser auch nicht vorgeben lassen, was er wissen muss und was nicht.

Persönlich neige ich langsam auch dazu, den „12.1“ zu ignorieren. Wir haben nicht mehr 1971/73, sondern 2016. Am Beispiel oben wäre die Nr. 1 die dem Pressekodex entsprechende richtige Überschrift. Aber was nützt das, wenn ein paar Internetseiten weiter die Überschriften Nr. 2 und 3 zu lesen sind? Damit setzt sich der Verfasser der Überschrift 1 in der heutigen Zeit dem Vorwurf aus, etwas verheimlichen zu wollen. Selbst wenn dieser Vorwurf noch so weit hergeholt und unbegründet ist, er manifestiert sich. Das Vertrauen in die Journalisten schmilzt dahin wie ein Softeis in praller Sonne. Und wenn das bei den öffentlich-rechtlichen Medien geschieht – den Gralshütern des Pressekodex – ist schnell die Rede von „staatlicher Kontrolle“ oder „Zensur“ und „Lügenpresse“. Das ist zwar totaler Blödsinn, aber vielleicht ist der Pressekodex 12.1 aus den Gründen nicht mehr zeitgemäß.

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Nachrichten und der Pressekodex

Pressekodex

Ein Leserbrief. Besser ein Beschwerdebrief:

„Wir stören uns in der Berichterstattung über die AfD daran, dass die Partei immer als rechtspopulistisch gebrandmarkt wird, das ist pure Meinungsmache. Eine Zeitung soll informieren und keine Meinung vorgeben, die können wir Leser uns selbst bilden. Zur Information gehört bei Nachrichten über Straftaten auch die Nennung der Nationalität, sonst entsteht nur der Eindruck, dass was verschwiegen wird.“

Die Aufforderung an mich lautet: „Schreibe mal was dazu, 20 Zeilen, kurz und bündig, ohne Beiwerk.“ Klar, 20 Zeilen dürfen es schon sein, das entspricht nämlich dem Mindesthonorar. Gut, also maximal 800 Buchstaben:

Zeitungsartikel gibt es in vielen Formen, z.B. als Nachricht zur Information oder die meinungsäußernde Darstellung als Kommentare oder Leitartikel – dann wird jeweils der Autor genannt. Für Nachrichten gilt, dass sie bestätigt sein müssen und sachlich gehalten werden. Adjektive sollen nur zur dienenden Information genutzt werden. „Rechtspopulistisch“ ist solch ein Adjektiv, wie konservativ oder liberal, und als solches wertfrei. Es dient zur Einordnung einer Partei in das Parteienspektrum. Damit wird keine Meinung gebildet, sondern Leser entscheiden selbst über die Wertigkeit des Adjektivs. „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“, nachzulesen im Pressekodex (12.1). Daran hält sich die Redaktion.

792.

Das Bild oben entstammt der Seite von „uebermedien.de„, dort gibt es zum Pressekodex, Richtlinie 12.1, einen lesenswerten Beitrag von Stefan Niggemeier: Wenn die Sorge vor Diskriminierung nicht mehr „zeitgemäß“ ist. Wer nachlesen möchte, was „Rechtspopulismus“ bedeutet, dem empfehle ich den Artikel auf Wikipedia dazu. 

Ok, und weg …

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