Welt anschauen und die „alternativen Fakten“ sehen

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“

Wer sich dieser Tage die Welt anschaut, muss dadurch nicht zwangsläufig eine Weltanschauung haben. Zwar ist es im heutigen Medienzeitalter einfacher in die Welt zu schauen als zu Zeiten eines Alexander Freiherr von Humboldts, aber dennoch undurchsichtiger.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“ Das hat der legendäre Hanns Joachim Friedrichs einmal gesagt. Soweit es um Nachrichten geht, also die reine wertfreie Mitteilungen über den verifizierten Sachverhalt von allen Neuigkeiten, hat der Satz nach wie vor Gültigkeit – und sollte die Leitlinie für alle Journalisten sein. Leider sind diese Nachrichten kaum (noch) von den vielen, eine Meinung wiedergebenden, Kommentaren und Kolumnen in den Medien zu unterscheiden. Und da nicht jeder Jedermanns Meinung ist, schon gar nicht der von studierten Journalisten, ist der Weg zur „Lügenpresse“ nicht mehr weit. Oder, ganz aktuell, es wird von „alternativen Fakten“ gesprochen. Welch ein Oxymoron! Das ist wie „Flüssiggas“, zwei sich gegenseitig ausschließende Aggregatzustände. Unbedarft kann man heute so den Eindruck gewinnen, dass der Untergang der westlichen Welt durch Selbstzerstörung bevorsteht. Wenigstens aber deren Spaltung – oder das „Ende der alten Welt“, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier es nannte.

Daneben sind, vornehmlich in den sozialen Medien, noch die Welterklärer und Gesellschaftskritiker anzutreffen. Also die, die die Deutungshoheit über „Gott und die Welt“ für sich beanspruchen bzw. daran etwas auszusetzen haben. Respekt, wer deren Beiträge liest, mag wegen ihrer Originalität zunächst beeindruckt sein. Wer aber genauer liest wird bald merken, dass viele kritische Texte agitatorischen Inhalts sind und häufig etwas insistieren, was faktisch kaum belegbar ist und zu einem wissenschaftlichen Diskurs oft nicht taugen. Auch weil sie meist rein destruktiver Natur sind indem sie zeigen, was alles nicht optimal – um nicht zu sagen, schlecht ist. Die Antwort, wie was besser wäre, bleiben sie in der Regel schuldig.

Ein Freund meinte dazu, das würde ihn an ein Frühstück mit seinem zehnjährigen Neffen erinnern: „Die Milch ist kalt.“ – „Ja“ – „Kalte Milch morgens ist nicht gesund.“ – „Wer sagt das?“ – „Ich mag morgens keine kalte Milch!“ – „Ja und?“

Die heutigen Zeiten sind allemal schwieriger als das Problem mit der kalten Milch. Zu den politischen kommen die ökonomischen Fragestellungen und die Beurteilung der Zusammenhänge – was ist wenn dies oder das so oder so kommt – ist ziemlich komplex und dadurch kompliziert und mannigfaltig. Während die Gesellschaftkritiker nur kritisieren, versuchen sich die Populisten in einfachen Antworten. Ich hätte auch sagen können, „wenigstens in einfachen Antworten“, aber das wäre falsch. Bei der Komplexität taugen keine einfachen Antworten zu einfachen Lösungen. Sie erwecken nur den irrigen Eindruck, dass sie es könnten. Nein, was wir brauchen, das sind die Diskussionen – und zwar mit konstruktiven Beiträgen. „Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie“, hat Joachim Gauck gesagt. Genau, in dem Sinne gehört für mich zur Demokratie auch, dass nach dem Meinungsstreit entstandene Meinungsmehrheiten respektiert und toleriert werden und nicht als eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheiten angesehen wird.

Wenn jemand Vorschläge hat, wie das Zusammenleben in einem freiheitlichen Rechtsstaat mit einer pluralistischen Gesellschaftsordnung besser funktionieren könnte, der soll sich melden. Denn das Bessere ist des Guten Feind, nicht allein die Kritik daran!

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