Fundsache: Gegensätze in Europa

Europa zeigt sich zurzeit als eine Union der Gegensätze. Abschottung als Reaktion auf die Millionen Flüchtlinge vor den Grenzen Europas, teilweise hohe Arbeitslosigkeit und Schulden, Aufwind für rechtsradikale Parteien und Bewegungen. Europas Integration gerät ins Stocken. Scheitert das große „Projekt Europa“?

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Hier drei gegensätzliche Meinungen aus den internationalen Medien:

Die EU wird immer faschistischer, meint Grieche Pitsirikos im Pitsirikos-Blog:

Die europäischen Länder verletzen die Genfer Konvention, die sie alle unterschrieben haben, und die europäischen Bürger befinden sich mit ein paar Ausnahmen im Tiefschlaf. Faschismus und Rassismus sind im Aufwind in Europa, und dies nicht wegen rechtsextremer Regierungen, sondern wegen Mitte-Rechts-Regierungen und Sozialdemokraten. Einige europäische Regierungen verbreiten faschistische Ansichten, damit die Faschisten nicht an die Macht kommen. Wenn man aber selbst Faschist wird, dann kommen die Faschisten sicher. Es ist nicht schwierig, dies zu begreifen. Obwohl es sich für viele europäische Führer als schwierig erweist. Wer jedoch Europa wirklich liebt, muss jetzt aufschreien, dass Europa faschistisch wird. Jetzt, denn nachher wird es zu spät sein.

Europa muss sich mit drastischen Mitteln vor Flüchtlingen schützen, schreibt der Lette Čyvas auf dem Onlineportal Lrytas:

Die westlichen Politiker, wie Angela Merkel, verhalten sich verantwortungslos und haben nicht die geringste Ahnung davon, wie man mit Banden von sehr zweifelhaften ‚Flüchtlingen‘ fertig werden soll, die einfach dazu geneigt sind, Europa auf eigene Rechnung zu zerstören. … Es gibt keinen willensstarken, jedoch nicht übergeschnappten Politiker, der sagen würde, dass wir wieder einen Eisernen Vorhang brauchen (und wir brauchen ihn in der Tat sehr). In der Öffentlichkeit dominieren raffinierte Erzähler linker Propaganda, die die Mehrheit mit Sentimentalität und Fotos toter Kinder in ihren Bann ziehen. … Ja, der Westen und darunter auch Litauen braucht einige Dinge: einen Eisernen Vorhang und die Rückkehr zu westlichen Werten, wie Gleichheit vor dem Gesetz. Wenn dies auch mit der Enthüllung des Gesichts oder dem Ablegen religiöser Lumpen in Verbindung steht. … Leider gibt es jedoch keinen Willen dazu.

Nur wenn die EU Berlin und Paris folgt, kann sie überleben, mahnt der französische Philosoph Lévy in einem Gastbeitrag in der  italienischen Tageszeitung Corriere della Sera:

Entweder lassen wir geschehen, dass uns der obszöne und verallgemeinernde Rette-sich-wer-kann-Gedanke übermannt und die nationale Wut den europäischen Traum unter sich begräbt. … Oder aber die 28 EU-Staaten nehmen Vernunft an und entscheiden, der Linie von Angela Merkel zu folgen. … In der Syrienfrage müssen sie François Hollande folgen, denn der Konflikt und die doppelte Barbarei, die das Land entvölkert und Millionen von Menschen ins Exil treibt, sind die wahre Ursache der heutigen Tragödie. Die beiden Politiker dürfen nicht versäumen, einander zuzuhören und vom anderen den jeweiligen Teil der Wahrheit zu vernehmen. Nur die ganze Wahrheit kann der deutsch-französischen Achse Leib und Seele verleihen, ohne die alles verloren sein wird. Dann und nur dann hat Europa eine Überlebenschance. Niemals zuvor war die Wahl klarer: Europa oder Barbarei.

Und nun? Wie wird sich der Friedensnobelpreisträger Europäische Union entwickeln?

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Schön doof: Die Uhr wird wieder umgestellt

CEST-Begin-300Die Lausitzer Rundschau hat sich gestern in einer Pressemitteilung mit dem alljährlichen Ärgernis, dem Umstellen der Uhren auf die Sommerzeit – ab morgen, Ostersonntag, um 02:00 wird auf 03:00 Uhr vorgestellt – beschäftigt:

Zweimal im Jahr wird gerätselt: Muss die Uhr nun um eine Stunde vor- oder zurückgestellt werden? Zweimal im Jahr fragt man sich, warum eigentlich? Die Antwort darauf lautet: Weil deutsche und europäische Bürokraten das so wollen. Schön doof, denn die Zeitumstellung ist lästig und unnütz. Zahlreiche Studien und Gutachten belegen, dass es keine überzeugenden Argumente mehr dafür gibt, die Bürger mit dem Drehen an der Uhr zu behelligen. Heute Nacht ist es wieder soweit. Sie wurde eingeführt, um Energie zu sparen. Nachgewiesen ist, dass es diesen Effekt der Zeitumstellung nicht gibt. Dafür kommt aber der Biorhythmus vieler Menschen, vor allem von Kindern, durcheinander. Dauer-Müdigkeit und Konzentrationsprobleme sind die Folge. Übrigens leiden auch die Tiere. Zuletzt hat ein Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestages die Zeitumstellung für überflüssig befunden. In den vergangenen Jahren gab es daher schon viele Initiativen und Petitionen, mit dem Ziel, den Unsinn zu beenden. Alle sind bislang erfolglos geblieben. Das hat einen einfachen Grund: einmal beschlossen, immer beschlossen. Wie so häufig in der Politik. Etwas zurückzunehmen ist schwerer, als etwas neu einzuführen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Druck in und auf Europa weiter hoch bleibt, damit die EU-Kommission irgendwann noch ein Einsehen hat und aktiv wird. Dann stellt sich allerdings eine neue knifflige Frage: Welche Zeit soll künftig gelten? Winter- oder Sommerzeit? Die Debatte dürfte spannend werden. Aber wenn man schon so lange als Bürger mit der Umstellung drangsaliert worden ist, dann darf man es bitteschön auch bequem und angenehm haben wollen. Also her mit der Sommerzeit als Normalzeit, damit es eine Stunde länger hell bleibt – und man sich draußen länger eine vergnügliche Zeit machen kann.

Tatsächlich haben sich viele Staaten wieder von der Sommerzeit verabschiedet, nachzulesen bei Wikipedia:

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Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich gehöre zu der Mehrheit, die der zweimal jährlichen Zeitumstellung nichts abgewinnen kann. Ich bin für die Abschaffung der Winterzeit.

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Anschlag Nr. 15 in 15 Monaten: Brüssel

Heute Morgen, so gegen 9 Uhr. Ich bin dabei einen Kollegen anzurufen, als ich im Radio die Nachricht von dem Anschlag in Brüssel höre. So war meine erste Frage nach der Begrüßung, ob er mehr wüsste? „Twitter meldet mir 11 Tote und 25 Verletzte bei einer Explosion auf dem Brüsseler Flughafen. Das war wohl ein Terroranschlag.“ war seine lakonische Antwort. „Weißt du, der wievielte Anschlag das seit Januar 2015 in Europa, einschließlich Türkei, ist?“ Nein, ich wusste es nicht. „Das war heute Nr. 15 in 15 Monaten, bisher mit weit über 400 Toten, plus die von heute.“ Journalisten sind manchmal wie Buchhalter der schlimmen Nachrichten. „Und ohne Türkei?“ wollte ich wissen. „Sechs, zweimal Frankreich, zweimal Belgien, zweimal Bosnien, mit knapp 150 Toten, plus die von heute.“  Manchmal mag ich unseren Job nicht. Dennoch: That’s business.

Es ist traurig. Man könnte nun viel schreiben zu dem wie & warum, oder es sein lassen. Mein Kollege meinte noch zu mir: „Pass auf, es wird nicht lange dauern, dann kommt irgend ein Idiot und gibt Merkel die Schuld an den Anschlägen.“ Ich weiß gar nicht, wie ernst er das gemeint hat, aber ein paar Stunden später schickte er mir ein Bild zu, ein Facebook-Screenshot:

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Nun muss man wissen, das Vera Lengsfeld nicht irgendwer ist. Sie stammt aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung, für ihre Verdienste erhielt sie 2008 das Bundesverdienstkreuz. Lengsfeld saß 15 Jahre im Bundestag – zwischen 1990 und 1996 für die Grünen, anschließend bis 2005 für die CDU. In der letzten Zeit wird ihr aber eine gewisse AfD-Pegida-Nähe nachgesagt – der Text würde das begründen, der passt zu den Bachmanns und Storchs dieser rechten Populisten.

Es ist kein guter Tag. Mittlerweile wissen wir, dass es 34 Tote sein sollen. Den Angehörigen gilt unser Mittgefühl. Auch den vielen Verletzten, denen wir gute Besserung wünschen. Der Tag wird auch nicht besser, dass die Lengsfeld ihren Eintrag wieder gelöscht haben soll. Vielleicht stand sie heute Morgen noch oder schon unter dem Einfluss berauschender Mittel.

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EU-TR-Deal: Verkaufen wir unsere Seele?

Die Balkanroute ist dicht. Aber nicht weil die viel zitierte „Sicherung der europäischen Außengrenze“ zwischen Griechenland und der Türkei funktioniert (wie auch?), sondern weil die Balkanstaaten Zäune errichtet haben. Nun sitzen viele Flüchtlinge in Griechenland fest.

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Abhilfe soll ein Abkommen zwischen der EU und der Türkei schaffen. Auf die Details will ich an dieser Stelle nicht eingehen, darüber ist in den Medien bereits genug berichtet worden.

Wird das funktionieren? Ich will diese Vereinbarung nicht gleich anzweifeln, aber ich habe Sorgen:

Von der EU-Kommission ist zu hören, dass sich die rechtlichen Bedenken gegen das EU-TR-Abkommen ausräumen ließen. So muss Griechenland nach internationalem Recht, will es Flüchtlinge wieder in die Türkei zurückschicken, zunächst sein Nachbarland als sicheren Drittstaat anerkennen. Das ist allein Sache der Griechen, nicht der EU. Menschenrechtsorganisationen wollen dagegen klagen, denn nach ihrer Auffassung erfüllt die Türkei dafür überhaupt nicht die Voraussetzungen.

Strittig ist, ob dort die Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention sichergestellt sind, wie es z.B. Art. 16a II unseres Grundgesetzes vorschreibt. Das ist bisher – auch im Hinblick auf eine EU-Mitgliedschaft der Türkei – oft genug verneint worden. Und jetzt doch? Verkaufen wir als Europa damit nicht unsere Seele, wie es von Kritikern des Abkommens häufig geäußert wird? Was sind unsere Werte in der EU noch wert, wenn wir dieses Geschäft mit der Türkei eingehen?

„Es ist ein janusköpfiger Deal, den die EU mit der Türkei geschlossen hat“, habe ich in einem Kommentar gelesen – und dass „das Abkommen unter allen Übeln das Kleinere ist“. Das mag wohl so sein.

Einerseits sollen jetzt die Flüchtlinge wissen wo dran sie sind und dass es keinen Sinn macht, sich noch in die Hände von Schleppern zu begeben. In erster Linie durch Geldzahlungen will sJanus_Muenze_300ich Europa seiner humanitären Pflicht stellen, aber gleichzeitig der rechten Panikmache in den einzelnen Staaten entgegenwirken. Im Grundsatz heißt das, dass wir als Europa die Türkei dafür bezahlen, dass sie die bisher aufgenommenen 2,7 Mio. Flüchtlinge und weitere im eigenen Land behält und die wieder zurücknimmt, die ab heute illegal nach Griechenland einreisen.

Anderseits gibt es viel Kritik und rechtliche Bedenken. So haben die Bürgermeister von Barcelona, Lampedusa und Lesbos – Ada Colau, Giuseppina Nicolini und Spyros Galinos – vor vier Tagen in der spanischen Zeitung El Periódico an die EU-Staaten appelliert, den umstrittenen Flüchtlingsdeal mit der Türkei nicht einzugehen:

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Wir fordern, das Abkommen mit der Türkei nicht zu verabschieden, da es gegen internationale Gesetze und Grundrechte verstößt. Menschenleben dürfen nicht als Handelsware gegen Wirtschafts- und Handelsabkommen eingetauscht werden. Das Recht auf Asyl ist ein menschliches Grundrecht, mit dem man nicht feilschen darf. … Die Grundwerte Europas stehen auf dem Spiel und die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, sind richtungsweisend für die Zukunft der EU. Daher bitten wir die Staaten, dass sie keine beschämenden Entscheidungen in unserem Namen treffen. Sondern dass sie die Städte in ihrer Netzwerkarbeit unterstützen, damit das Mittelmeer wieder zur Brücke der Zivilisation wird.

Janus: Am Erfolg oder Misserfolg des EU-TR-Abkommens liegt es, welche Seite der doppelgesichtige Janus uns zuwenden wird. Dazu gehört auch, dass ein Bestandteil des Abkommens die Visafreiheit für türkische Staatsbürger in der EU sein soll. Dazu schreibt heute die österreichische Zeitung Die Presse vielleicht nicht ganz so abwegige Bedenken:

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Die Versuchung, die Flüchtlinge, die sich jetzt in der Türkei aufhalten – die vom Krieg Entwurzelten ebenso wie die nach einem besseren Leben in Europa Strebenden – einfach einzubürgern und mit den türkischen Pässen auszustatten, die ihnen dann zustehen, nebst dem freundlichen Rat, davon auch Gebrauch zu machen, ist zu groß, um ihr nicht nachzugeben. Falls der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, nicht längst an eine solche Lösung der Flüchtlingsfrage auf Kosten der europäischen Gimpel denkt. … Die Schwarzarbeit würde ins Kraut schießen, der Fremdenhass zunehmen, das Elend der Zuwanderer und deren Ansprechbarkeit für Hassprediger und radikale Parolen aber auch. Und Erdoğan würde sich ins Fäustchen lachen, während die Rechtsparteien nach der Macht greifen. Ihm gefiele das, was dann aus Europa würde, sehr wohl.

Und nun? Von wie viel Weitsicht ist das Abkommen zwischen der EU und der Türkei geprägt? Und was bedeutet das für die nordafrikanischen Staaten, wo mehr als die 2,7 Mio. bisher von der Türkei aufgenommenen Flüchtlinge den Drang haben, nach Europa zu emigrieren? Folgt ein janusköpfiger Deal dem nächsten?

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Morgens – nüchtern betrachtet

Beim Blättern durch ein paar Blogs bin ich heute Morgen auf zwei Beiträge gestoßen, die sich mit dem Wahlausgang vom letzten Sonntag beschäftigen. „Ausgesucht“ schreibt von einem „rettenden (?) Strohhalm„, Sven hat die SPD als neue „10 % Partei“ entdeckt. Beide beschäftigen sich u.a. mit den „Nicht-Wählern“.

Gestern habe ich Horst Seehofer in einem Interview sagen hören, (sinngemäß) dass CDU/CSU zusammen mit der SPD früher rund 90 % der Wähler repräsentiert haben und es nicht angehen könne, dass es heute noch nicht einmal einer Koalition zum Regieren reicht. Was Seehofer nicht gesagt hat ist, dass früher CDU/CSU und die SPD auch mehr als die Hälfte der Wahlberechtigen hinter sich vereinen konnten. Mit zunehmender Politikverdrossenheit und damit einhergehenden sinkenden Wahlbeteiligungen ist das mittlerweile nicht mehr so. Selbst die „GroKo“ heute mit einem Wahlergebnis von zusammen 67,2 % repräsentiert bei einer Wahlbeteiligung von 71,5 % nur rund 48 % der Wahlberechtigten.

Das ist Demokratie. Eine Stimmenenthaltung gehört ebenso dazu, wie die AfD wählen zu dürfen. Das mögen wir gut finden oder nicht, aber nüchtern betrachtet ist es nichts Neues. Neu ist nur der Name, früher hießen die in den Länderparlamenten vertretenen Parteien NPD, DVU, Republikaner, Schill-Partei usw.. Gemein haben all diese Parteien, dass sie mit den Ängsten gegenüber Migranten und Minderheiten spielen und sich islamfeindlich verhalten. Meinungsforschern zufolge erwarten die meisten rechts wählenden Menschen von diesen Parteien auch keine Lösung von Problemen in der Praxis, aber sie fühlen sich von ihnen verstanden, weil sie die Dinge beim Namen nennen, mit denen sie unzufrieden sind.

In anderen Worten: Mit zunehmenden Alter und einem Blick auf die Wahlen im Nachkriegsdeutschland wächst ganz nüchtern die Erkenntnis, dass die Bereitschaft temporär rechte Parteien zu wählen schon immer latent vorhanden war. Nur hat sich das noch nicht so wie z.B. in Frankreich manifestiert, wo der Front National seit 40 Jahren zum Parteienbild dazugehört. Ich will das nicht gut finden, aber ich weiß nicht, was ich daran ändern kann.

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400.000 weniger Flüchtlinge als angenommen?

„Über eine Million Flüchtlinge sollen 2015 nach Deutschland gekommen sein. Neue Zahlen der Bundesregierung legen nahe, dass nur 600.000 geblieben sind. Wie kommt das?“

Dieser Frage ist Tina Groll in der „ZEIT“ nachgegangen. Ausschlaggebend war eine Kleine Anfrage der Fraktion der LINKEN zu den IST-Zahlen Ende 2015. Die Antwort hat nun das Bundes-Innenministerium vorgelegt.

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2015 hat Deutschland über eine Millionen Flüchtlingen aufgenommen, eine Zahl die immer wieder kolportiert wird. Wie viele es tatsächlich waren, kann niemand genau sagen. Fakt nach Angaben des Ministeriums ist, dass sich zum Jahreswechsel davon noch rund 600.000 in Deutschland aufhielten.

Die 51-seitige Antwort in Kurzform: In Deutschland lebten zum Stichtag 31.12.2015 rund 1,25 Millionen Flüchtlinge. Ein Jahr zuvor waren es aber auch schon 627.000. Von den 1,25 Millionen sind 950.000 Menschen asylberechtigt, haben ein laufendes Asylverfahren oder einen Duldungsstatus. 300.000 weitere hatten Ende Dezember 2015 noch keinen Asylantrag gestellt – weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mit der Bearbeitung der Anträge nicht hinterherkam.

Und der Rest, die Differenz von rund 400.000? Annehmen darf man, dass viele davon in andere Staaten wie Schweden weitergereist sind, es bei der „Easy-Registrierung“ Doppelerfassungen gab und andere freiwillig oder abgeschoben in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind.

Annehmen dürfen wir weiter, dass sich die Zahl der in Deutschland lebenden Flüchtlingen in diesem Jahr nicht erhöhen sondern eher verringern wird. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Schließung der „Balkanroute“ und die intensivierte Abschiebepolitik. Das sind die nackten offiziellen Zahlen. Was die unter humanitären Gesichtspunkten für die Millionen Flüchtlinge in den vielen Lagern in Griechenland, der Türkei, im Nahen Osten und Nordafrika bedeuten, mag jeder für sich selbst beurteilen. Viele von denen wollen nach wie vor nach Europa, auch nach Deutschland, „koste es, was es wolle“.

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Die Werteordnung der EU und der Rechtspopulismus in Deutschland

„Die EU ist eine Wertegemeinschaft.“ Oft hört man diesen Satz, ohne dass allerdings klar ist, um welche Werte es sich eigentlich handelt. Gibt es überhaupt den einen Wertekanon für 500 Millionen EU-Bürger, dessen Achtung allen gleichviel bedeutet? Im Nachkriegseuropa wurde 1951 der Vertrag über die erste Europäische Gemeinschaft EGKS unterzeichnet, 1957 folgte die EWG. Als Zeugen des 2. Weltkrieges waren sich damals alle einig, dass die Achtung der Menschenrechte in Frieden und Demokratie zu den wichtigsten Werten gehören und es nur so ein vereintes Europa geben kann. Gleichermaßen sind sie seit 2007 in dem Vertrag von Lissabon festgeschrieben:

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Und heute? Längst wissen wir, dass europäische Verträge im Zweifelsfall auf die Opfertische der nationalen Interessen gelegt werden. Bestenfalls beruft man sich auf eine unterschiedliche Interpretation, schlimmstenfalls bleiben sie schlichtweg unbeachtet.

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Besonders zum Thema „Flüchtlinge“ hören & lesen wir zurzeit Gegensätzliches. Einerseits werden die Verhandlungen mit den Türken wegen den dortigen Verletzungen der Menschrechte als „unvereinbar mit den europäischen Werten“ erklärt, anderseits werden wie auf einer „Insel der Seligen“ die menschenunwürdigen Zustände in den Flüchtlingslagern bis hin zu den vielen Toten auf den Flüchtlingsrouten scheinbar anteilnahmslos hingenommen. Ist das „vereinbar mit den europäischen Werten“?

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In vielen europäischen Staaten haben seit Jahren die rechtspopulistischen Parteien regen Zulauf. Grundsätzlich verhalten die sich europakritisch und fordern mehr nationale Souveränität, wie in Deutschland die AfD, NPD und die PEGIDA-Bewegung.

„Deutsche Kultur & Werte erhalten“

Wenn ich so etwas hören, dann frage ich gerne: „Welche denn? Was macht die deutsche Kultur mit seinen Werten so einzigartig?

– Ehrlich wie der Deutsche-Fußball-Bund?
– Friedfertig wie die Flüchtlingsheime anzündenden deutschen Rechtsextremisten?
– Pünktlich wie die Deutsche Bahn?
– Sauber wie ein deutscher Volkswagen?
– Vertrauenswürdig wie die Deutsche Bank?
– Zuverlässig wie beim Bau des deutschen Großflughafens in Berlin?

Schlüssige Antworten habe ich bisher keine erhalten. Wenn ich mir dazu die Umfrageergebnisse vom vergangenen Sonntag zu den drei übermorgen stattfindenden Landtagswahlen anschaue und sehe, dass die AfD teilweise drittstärkste Partei in den Parlamenten werden kann, dann überkommt mich ein Schaudern. Soll das die Zukunft der deutschen Kultur mit seinen Werten sein? Ich hoffe nicht!

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Rundschau – gelesen & gesehen

Sonntag, 6. März 2016. Heute Morgen lese ich in einem Beitrag von CDU-Fraktionschef Kauder, dass er die zunehmende Hetze auf Internetplattformen beklagt. “Internet und soziale Medien wie Facebook sind oft Bühnen für die Herabwürdigung anderer und für vorsätzliche Desinformation. Gerüchte werden gestreut und Tatsachen verdreht, beides mit einer schnellen und massenhaften Wirkung”, so ist Kauders Kritik nachzulesen.

Weiter fordert er “… mehr denn je einen der Wahrheit verpflichteten klassischen Qualitätsjournalismus, Sachverhalte eingehend zu prüfen und so ausgewogen wie möglich darzustellen. Gute Zeitungen funktionieren wie eine ‘Stiftung Wahrheitstest’ und dienen damit der Demokratie.”

Volker Kauder: viel reden, nichts sagen -Fotograf: Tobias Koch

So etwas nenne ich “Zeilenfüller”. Wie bei Politikern oft üblich: Viel reden, nichts sagen – viel schreiben, nichts aussagen. Gerne diskutiere ich über den Unterschied zwischen Qualitäts- und Nicht-Qualitäts-Journalismus. Aber in jeden Fall sind Journalisten der Wahrheit verpflichtet und gilt es Sachverhalte genau zu prüfen. Ebenso ist eine ausgewogene Berichterstattung unabdingbar, will sich eine Journalist nicht den Vorwurf aussetzen, sich mit einer Sache gemein zu machen. Nur sind unsere Verlags-Medien voll mit Kommentaren, Meinungen und Kolumnen, die sehr wohl eine Sache aus der Sicht des jeweils genannten Autors betrachten – allerdings zumeist mit einer anderen Qualität als in den sozialen Medien. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Leser die Unterschiede immer so wahrnehmen.

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Heute Abend sehe ich eine Trendmeldung zu der hessischen Kommunalwahl. Angesichts der vielen Stimmen für die AfD überfällt mich ein Schaudern. Mein Schaudern wird größer, wenn das Hessenergebnis ein Stimmungsbild für die drei Landtagswahlen am kommenden Sonntag sein sollte. Doch eine Erkenntnis ist so alt, wie es Wahlen gibt: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient!

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