Verwirren mit Worten – oder die Mär vom Wirtschaftswachstum

In einem Wirtschaftsartikel lese ich heute diese These:

„Bei einem anhaltenden Wachstum von 3 % verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre. Eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung.“

Ich frage in diesen Momenten: „Ehrlich?“ Und inflationsbereinigt?“

Wachstum 800

Was ich meine, will ich verdeutlichen: Bei einer anhaltenden Inflation und entsprechenden Vermehrung der Geldmenge um 3,0 % verdoppelt sich diese alle 23 Jahre. In diesem Fall ist das reale Wachstum trotz einer Verdoppelung des nominalen Wachstums nach 23 Jahren gleich null. Beispiel: Ein Auto kostet 10.000 Euro, inflationsbedingt 23 Jahre später 20.000 Euro. Der Arbeiter verdient 10.000 Euro, 23 Jahre später durch inflationsausgleichende Lohnsteigerungen 20.000 Euro. Der Händler hat zwar seinen Umsatz beim Verkauf des Autos gegenüber vor 23 Jahren verdoppelt, der Arbeiter muss aber nach wie vor die gleiche Zeit dafür arbeiten.

Das ist Mathematik, die Art mit den Zahlen umzugehen hingegen Philosophie oder Psychologie. Folgende Varianten, je nach Motivation, sind möglich:

  • Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands ist von dem einem auf das andere Jahr (nominal) um 3,0 % gewachsen. Das klingt gut, wenn z.B. die Politik Wachstum zum Ausdruck gebracht bringen will.
  • Das statische Bundesamt weist nur ein reales Wachstum von 1,6 % aus, da es den BIP-Deflator (Quotient aus nominalem und realem BIP) mit 1,4 % berücksichtigt. Das klingt ehrlich – aber nicht so gut.
  • Verbraucherorganisationen hingegen verweisen auf den Verbraucherpreisindex (VPI), der in der Regel wegen einer anderen Berechnung („Warenkorb“) höher ausfällt als der BIP-Deflator. Wird der mit 2,5 % errechnet, beträgt das reale Wachstum lediglich noch 0,5  %.

So kann sich jeder aussuchen, welches Wachstum seiner Argumentation dient. Am Rande: Bei einem realen BIP-Wachstum von 0,5 % (bereinigt durch den VPI) dauert es nach dem o.g. Modell 139 Jahre, bis sich das Wachstum verdoppelt hat. Dann von einer „zwangsläufigen Selbstzerstörung“ zu reden ist natürlich weniger glaubhaft.

Für ein Wirtschaftswachstum gilt auch folgendes, Stichworte „Netto-Neuverschuldung, „schwarze null“: Hat sich das nominale BIP nach dem o.g. Modell in 23 Jahren verdoppelt und betrug die Staatsverschuldung anfänglich 80 % des BIP (Deutschland zurzeit), dann beträgt sie bei gleichbleibender Summe nun 40 %. Das ist die Entschuldung durch Inflation – und Erfüllung der EU-Konvergenzkriterien: Der staatliche Schuldenstand darf nicht mehr als 60 % des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Anmerkung: „Bruttosozialprodukt“ ist ein veralteter Begriff. Ende der 90er wurde er im Rahmen einer internationalen Angleichung durch das „Bruttonationaleinkommen“ ersetzt. Das Bruttonationaleinkommen unterscheidet sich wiederum vom Bruttoinlandsprodukt: Das Bruttonationaleinkommen misst den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die von Personen hergestellt werden, die im betrachteten Staat leben, unabhängig davon, wo die Arbeitsleistung erbracht worden ist. Dagegen misst das Bruttoinlandsprodukt den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die im betrachteten Staat hergestellt wurden, unabhängig davon, wo die Arbeitnehmer wohnen. Im internationalen Vergleich wird seit langem nur noch das BIP verwendet.

Das „Wirtschaftswachstum“ ist nur ein Begriff, der mehrere Definitionen bzw. Interpretationen zulässt. Es gibt noch viele andere Beispiele: Arbeitslose – nicht jeder arbeitslose Mensch ist ein Arbeitsloser; Flüchtlinge – in „Easy“ registrierte oder Asylantragsteller beim BAMF, dann ist zu unterscheiden zwischen Erst- und Folgeanträge, sind Flüchtlinge aufgrund der Genfer Flüchtlingskonvention oder nach der Dublin-III-Verordnung gemeint, oder die subsidiär Schutzberechtigten, oder die innerhalb eines Kontingents oder die Zuwanderer?

Um einer sachlichen Diskussion Willen sollten wir genau sagen, was wir meinen. Pauschalbegriffe dienen nicht zur Lösung komplexer Fragen und haben etwas populistisches an sich. In einer Diskussionsrunde habe ich neulich einen in seehoferscher Manier eine „Obergrenze bei den Flüchtlingen“ fordernden Lokalpolitiker gebeten zu sagen, was er damit genau meint, verbunden mit der Frage: „Was ist mit der afghanischen Familie, die per Flieger einreist und Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention begehrt, weil sie wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe um ihr Leben fürchten muss? Soll die nach dem Erreichen der Obergrenze wieder zurück geschickt werden? Wollen sie damit gegen eine völkerrechtlich verbindliche Regelung verstoßen?“ Nein, das wollte er nicht, aber vielleicht mehr aus Angst davor, dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht.

Leider wird in den Medien häufig oberflächlich berichtet. Als der österreichische Kanzler Faymann im Januar ankündigte, dass sein Land bis 2019 maximal 127.500 Flüchtlinge aufnehmen will, sprach er von einem „Richtwert“. Es gab nur wenige Artikel, z.B. im SPIEGEL, durch die das so publiziert wurde. Meist wurde nur über eine „Obergrenze“ berichtet. Eine Obergrenze, die ein „bis hier hin und nicht weiter“ impliziert, ist aber etwas anderes als eine Grenze gemäß eines Richtwertes, die eine gewisse Flexibilität zulassen mag.

Das zum Verwirren mit Worten. Oft geschieht es ganz unbewusst, weil es der eine so sagt, schreibt, der andere es aber anders versteht. Das führt zu Missverständnissen und Vorwürfen – siehe z.B. die Auseinandersetzung in der Regierung zum „Asylpaket II“ zwischen SPD und CDU/CSU. Alles andere ist für mich die Manipulation. Auch die gibt es oft genug!

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5 Kommentare

  1. Moin.
    „Leider wird in den Medien häufig oberflächlich berichtet.“ Ja, und wenn dann unterschiedlich interpretiert wird, entsteht der Eindruck der „Lügenpresse“, weil, wer nur in eine bestimmte Richtung denkt, der sieht die andere Deutungsmöglichkeit nicht – bzw. will sie nicht sehnen. Gleiches gilt natürlich auch für Aussagen, wie von Seehofer die Tage mit dem „Unrechtsstaat“. Gesagt hat er es so, fühlte sich aber missverstanden und verbat sich dass dort etwas hineininterpretiert hat, was er nicht gemeint hat.
    Mit Sprache kann man viele bewirken – oder anrichten 😉
    Viele Grüße von der verregneten Ostsee

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    • Hier ist das Wetter auch nicht besser. Punkt 1.
      Punkt 2: Ich will nicht abstreiten, dass „die Medien“ ihren Anteil daran haben, als „Lügenpresse“ betitelt zu werden. Aber wer sind „die Medien“? Es gibt viele, viele Journalisten, die sich alle Mühe geben vorurteilsfrei und ausgewogen zu berichten. Dazu gibt es einige wenige, die das nicht tun – links wie rechts, sprich auf der einen Seite gibt es die „Lügenpresse“, auf der anderen Seite die „Propagandapresse“, Internetseiten inklusive.
      Aber selbst Gauland, Petry und Co., ich meine damit die AfD-Spitze, distanzieren sich zumindest in öffentlichen Diskussionsrunden von diesem Begriff. Außerdem: „Die Presse“ ist schon immer kritisiert worden. Mein damaliger Redaktions-Anleiter hat mir beigebracht: „Kritik muss ein Journalist ertragen können, wichtig ist, dass sie sich die Waage hält.“
      SMS

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      • Da möchte ich gern noch einen draufsetzen: eine Presse, die nicht aneckt und dafür kritisiert wird, wäre sinnloses Blätterrascheln.

        In meinen Augen ist „Lügenpresse” ein unglücklich gewähltes Wort; es ist eh nur eine Propagandakeule, dier gern mal im rechten wie im linken oder im, ach, so freigeistigen Lager geschwungen wird.
        Es sollte recht penibel unterschieden werden zwischen ‚lügen‘ und ‚verlogen sein‘. Der Lügner kennt die Wahrheit, meidet sie aber ganz gezielt (durch Falschmeldung, durch unsinnige kontexturale Einbettung, durch Weglassen wesentlicher Fakten). Der Verlogene verbreitet im wesentlichen das, was er selbst für wahr hält (er belügt sich(!) nicht, indem er seine für andere meist sogar offensichtlichen Hirngespinste verbreitet).

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  2. Dein Artikel gefällt mir. Sicherlich hast Du irgendwo auf Deinem Blog längst darüber geschrieben, aber das exponetielle Wachstum ist nicht nur deshalb tückisch, weil dieser Funktionstyp das menschliche Vorstellungsvermögen schnell überschreitet (und deshalb nach Belieben für Propagandazwecke mißbraucht werden kann und wird), sondern weil es aus der Gier der Menschen genährt wird. Dabei geht es nicht nur – um im obigen Bild zu bleiben – um den Autobauer/-verkäufer, der maximalen Profit machen will, sondern gerade um die Verbraucher, die sich nicht etwa bescheiden können, sondern nach immer mehr, schneller, protziger, geiler… gieren.
    Die Crux am exponentiellen Wachstum ist weniger, daß das monetäre Äquivalent für Dinge und Dienstleistungen nominell(!) immer größer wird (20 Tsd. statt 10 Tsd. innerhalb von 23-24 Jahren), sondern eher, daß der Bedarf an Rohstoffen, Energie und Müllhalden exponentiell steigt. Weil der technische Fortschritt eine Extrapolation in eine 23-jährige Zukunft praktisch unmöglich macht (formal ist sie immer möglich, aber die „Ergebnisse” sind kaum belastbar: der Club of Rome erzählt uns schon knapp hundert Jahre lang, daß speziell die Ölrvorkommen noch in diesem Jahrzenht erschöpft sein werden), darf man die heutigen technologischen Möglichkeiten keinesfalls in die Zukunft projizieren. Insofern ist die Aussage: „der Arbeiter muss aber nach wie vor die gleiche Zeit dafür arbeiten” sicherlich nicht verläßlich. Im Gegenteil: wo früher 8 von 10 Stunden gearbeitet werden mußte, um die elementaren Lebensbedürfnisse bezahlen zu können, ist es heute kaum eine halbe von 8 Arbeitsstunden…

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    • Korrekt. Zumindest in den Industriestaaten sind heute für die Grundbedürfnisse des Lebens grundsätzlich weniger Lohnminuten nötig als früher. Mit meinem Beispiel wollte ich nur ein Nullsummenspiel darstellen.
      Zu „… die Verbraucher, die sich nicht etwa bescheiden können, sondern nach immer mehr, schneller, protziger, geiler… gieren“ möchte ich den Evolutionsbiologen Axel Meyer zitieren:
      „Der Homo sapiens ist viel zu egoistisch und unkooperativ. Die Vorstellung, die Menschheit würde an einem Strang ziehen, um die offensichtliche Zerstörung des Planeten abzuwenden, ist illusorisch. Das zeigen schon die vielen Umwelt- und Klimakonferenzen, die am Ende doch kein nennenswerte Ergebnis erzielen. So zerstört der Mensch weiter seine Lebensgrundlage – und irgendwann sich selbst.“

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