Schulz im „US-Fake-Stil“?

Keine Frage, in der CDU/CSU herrscht Nervosität. Nimmt man die Quersumme der letzten Umfrageergebnisse liegen die beiden „Christlichen“-Parteien – noch – knapp vor der SPD und für Rot-Rot-Grün würde es nicht reichen: Sprich, alles liefe – mathematisch – wieder auf eine GroKo hinaus mit Merkel als Kanzlerin. Aber darauf kann – und will – sich niemand in der CDU/CSU verlassen.

Martin Schulz, Bildequelle Wikipedia

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (Bildquelle Wikipedia)

Was die SPD zurzeit so stark macht, ist der „Schulz-Effekt“. Ihr Kanzlerkandidat ist jemand Neues und kann sich darüber hinaus gut darstellen. Als ehemaliger Europa-Politiker hat er mit der vergangenen deutschen SPD-Politik nichts zu tun. Deshalb kann er auch sagen, dass bei der „Agenda 2010 Fehler gemacht wurden und die jetzt korrigiert werden müssen“. Aber …

  • „Aber“, er darf dabei nicht selbst Fehler machen. Bspw. klang seine Zahl in einem BILD-Interview zu den befristeten Beschäftigungsverhältnissen gut, jedoch war sie schlichtweg falsch, weil viel zu hoch. Reflexartig wurde ihm von der CDU „Politik im US-Fake-Stil“ vorgeworfen und dass „Schulz die Massen genauso verführt wie Trump“. In der SPD spricht man nun von einem „ärgerlichen Übermittlungsfehler“. So etwas kann passieren, aber es darf sich nicht wiederholen. Sonst heißt es: „Schulz hat keine Ahnung“.
  • „Aber“, etwas zu korrigieren, was kein Fehler ist, macht erst die Korrektur zu einem Fehler. Die prinzipielle Notwendigkeit der Reformen war und ist bis heute unbestritten – außer man erkennt die damaligen volkswirtschaftlichen Zustände nicht an und irrt heute in dem Glauben, dass unsere aktuelle Wirtschaftsstärke, mit so vielen Beschäftigten wie noch nie, ohne die Reformen ebenso sei wie sie ist. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hält mit ihrer Kritik an Schulz nicht zurück: „Viele Vorschläge sind ohne präzise Kenntnis der Zahlen oder der Rechtslage in Deutschland formuliert“. Mit anderen Worten: „Schulz hat keine Ahnung, er ist ein Populist“. Selbstverständlich sehen die Gewerkschaften das anders, aber das ändert nichts an den Fakten.
  • „Aber“, die SPD sollte sich ihre Vorschläge gut überlegen und sich dabei einen Satz von Gerhard Schröder in Erinnerung rufen, gesagt 2007 auf dem Parteitag zu beantragten Änderungen an der Agenda 2010: „Das Bessere ist des Guten Feind, aber eben das Bessere, nicht das Populäre“.

Sicherlich gibt es an der aktuellen Politik einiges zu verbessern. Wobei es im Auge des Betrachters liegt, was „besser“ sein könnte und was nicht. Dabei scheiden sich durchaus die Geister. Verständlich ist, dass die SPD mit den angekündigten Korrekturen an der Agenda 2010 verlorene Wähler zurück gewinnen will. Verständlich ist ebenso, dass einige darin eine Gefährdung der Volkswirtschaft und einen Rückfall in vergangene Zeiten befürchten.

Dabei gibt es genügend andere Politik-Felder, die es zu beackern gilt: Bspw. die Steuerschlupflöcher. Noch immer müssen innerhalb der EU Konzerne ihre Gewinne nicht zwangsläufig in den Staaten versteuern, in denen sie anfallen. Schätzungen zufolge entgehen deshalb den öffentlichen Kassen in der EU jährlich 50 bis 70 Mrd. Euro an Einnahmen. Aber das Thema ist unpopulär und schwierig, denn alle EU-Staaten müssen neuen Regelungen zustimmen. Deshalb taugt es nicht zum Wahlkampf, schon gar nicht von einem ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten. Allerdings, was ließe sich mit den Steuereinahmen nicht alles finanzieren, bspw. Lockerungen bei der Agenda 2010?

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Steinmeier – der letzte der Hannover-Clique

Wahlplakat 2009 in Peine

Wahlplakat 2009 in Peine

Frank-Walter Steinmeier wird der nächste Deutsche Bundespräsident. Wahlplakate, wie hier 2009 in Peine, als er für die SPD Kanzler werden wollte, waren zur Wahl des Bundespräsidenten nicht nötig. Nun mögen wir diskutieren, ob das gut ist oder nicht, ob der Bundespräsident vom Volk gewählt werden soll oder doch besser durch die Bundesversammlung?

Steinmeier darf als der Letzte der Hannover-Clique gelten. 1993 wurde er in Hannover Büroleiter von Ministerpräsident Gerhard Schröder, folgte ihm 1998 nach Berlin – und ist nach Schröders Abgang 2005 geblieben: Außenminister, Vize-Kanzler, Fraktionsvorsitzender. Nun folgt das letzte Amt. Aus dem Dunstkreis des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Kanzlers Schröder sind zwar aktuell noch Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann (SPD-Fraktionsvorsitzender) im Amt, aber angesichts der bisherigen Entwicklungen und der kommenden Bundestagswahl darf deren politische Zukunft getrost in Frage gestellt werden. Die politischen Schwergewichte der SPD werden zukünftig wahrscheinlich keine Hannover-Vita mehr aufweisen – und damit auch keine Verbindung zur Agenda 2010, als deren Architekt Steinmeier gilt.

Steinmeier und Heil bei einer Wahlveranstaltung 2009 in Peine

Steinmeier und Heil bei einer Wahlveranstaltung 2009 in Peine

Das gilt auch für Hubertus Heil, SPD-Generalsekretär von 2005 bis nach der verloren Bundestags-/Steinmeier-Wahl 2009. Zwar ist er 1998, wie Schröder, Mitglied des Deutschen Bundestages geworden – mit 25, als direkt gewählter Abgeordneter unseres Wahlkreises Gifhorn-Peine – aber ohne den Umweg über Hannover.

Die Verbundenheit durch eine gemeinsame Herkunft hat heute in der Politik nicht mehr den Stellenwert wie früher noch. Heute – im Zeitalter des schnellen medialen Austauschs – sind Zugehörigkeiten zu Netzwerken wichtiger denn je. In der SPD sind das der konservative Seeheimer Kreis, die Reformer vom Netzwerk Berlin und die Parlamentarische Linke. Viel interessanter als die Herkunft eines Politikers dürfte sein, wer welchem Netzwerk angehört. Sich auf deren Seiten umzusehen kann interessanter sein, als ein Parteiprogramm zu lesen.

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Der unverstandene Herr Gabriel

sigmar_gabriel-2009_arm

Ich könnte auch sagen: „Der unvollendete Herr Gabriel“. Als sicher kann gelten, dass er gerne Kanzler geworden wäre. Mit dem angekündigten Rücktritt vom Parteivorsitz und seinem Vorschlag, dass Martin Schulz diesen übernehmen und auch Kanzlerkandidat werden soll, hat er sich endgültig von dieser Vorstellung verabschiedet. Von daher bleibt er der „Unvollendete“.

Aber das nicht allein. Gabriel war bisher auch der „Unverstandene“. Besser gesagt, viele seiner Genossinnen und Genossen wollten ihn nicht verstehen. Andere auch, aber besonders hat er das in seiner eigenen Partei zu spüren bekommen. Unbestritten war sein Spagat zuletzt zwischen dem Parteivorsitz und dem Amt des Wirtschaftsministers schwierig. Das war oft genug ein Hin- und Herspringen zwischen dem, was er für die deutsche Wirtschaft gut gehalten hat, und dem, was seine Partei an Prinzipien vertritt. Verstanden haben viele in der SPD (und andere) bis heute nicht, dass man das eine in Kauf nehmen muss, wenn man das andere will. Wirtschaft folgt keinen Ideologien sondern der Realität. Inwieweit Martin Schulz besser gelingt das zu vermitteln bleibt abzuwarten.

Dieser Tage musste er sich zu allem die Vorwürfe gefallen lassen, wegen bisher verborgener diplomatischer Fähigkeiten nicht zum Außenminister zu taugen und die Frage, warum er das Amt überhaupt übernimmt, wenn er doch mehr Zeit für seine Familie haben möchte?

Ich halte so etwas für absolut scheinheilig! Erstens hat es in seinen Zeiten als Minister nicht eine einzige Klage über undiplomatisches Verhalten gegenüber anderen Diplomaten, bspw. bei Auslandsbesuchen, gegeben und zweitens hat er das Amt des Außenministers nur für rund ein Dreivierteljahr inne. Nach der Wahl am 24. September wird alles neu entschieden. Außerdem fällt der Parteivorsitz weg, er muss somit nicht mehr zwischen Parteizentrale und Ministerium wechseln – und sollte allein deshalb schon mehr Zeit in Goslar bei seiner Familie verbringen können als bisher. Zum Parteivorsitz sei noch erwähnt, dass er immerhin die SPD über viele Jahre zusammengehalten hat. Irgendwie, aber seine Vorgänger sind daran gescheitert. Bei allem was man über Gabriel sagen mag, über seine bisweilen unorthodoxe und flapsige Art, richtig, aber was Recht ist soll auch Recht bleiben!

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Welt anschauen und die „alternativen Fakten“ sehen

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“

Wer sich dieser Tage die Welt anschaut, muss dadurch nicht zwangsläufig eine Weltanschauung haben. Zwar ist es im heutigen Medienzeitalter einfacher in die Welt zu schauen als zu Zeiten eines Alexander Freiherr von Humboldts, aber dennoch undurchsichtiger.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“ Das hat der legendäre Hanns Joachim Friedrichs einmal gesagt. Soweit es um Nachrichten geht, also die reine wertfreie Mitteilungen über den verifizierten Sachverhalt von allen Neuigkeiten, hat der Satz nach wie vor Gültigkeit – und sollte die Leitlinie für alle Journalisten sein. Leider sind diese Nachrichten kaum (noch) von den vielen, eine Meinung wiedergebenden, Kommentaren und Kolumnen in den Medien zu unterscheiden. Und da nicht jeder Jedermanns Meinung ist, schon gar nicht der von studierten Journalisten, ist der Weg zur „Lügenpresse“ nicht mehr weit. Oder, ganz aktuell, es wird von „alternativen Fakten“ gesprochen. Welch ein Oxymoron! Das ist wie „Flüssiggas“, zwei sich gegenseitig ausschließende Aggregatzustände. Unbedarft kann man heute so den Eindruck gewinnen, dass der Untergang der westlichen Welt durch Selbstzerstörung bevorsteht. Wenigstens aber deren Spaltung – oder das „Ende der alten Welt“, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier es nannte.

Daneben sind, vornehmlich in den sozialen Medien, noch die Welterklärer und Gesellschaftskritiker anzutreffen. Also die, die die Deutungshoheit über „Gott und die Welt“ für sich beanspruchen bzw. daran etwas auszusetzen haben. Respekt, wer deren Beiträge liest, mag wegen ihrer Originalität zunächst beeindruckt sein. Wer aber genauer liest wird bald merken, dass viele kritische Texte agitatorischen Inhalts sind und häufig etwas insistieren, was faktisch kaum belegbar ist und zu einem wissenschaftlichen Diskurs oft nicht taugen. Auch weil sie meist rein destruktiver Natur sind indem sie zeigen, was alles nicht optimal – um nicht zu sagen, schlecht ist. Die Antwort, wie was besser wäre, bleiben sie in der Regel schuldig.

Ein Freund meinte dazu, das würde ihn an ein Frühstück mit seinem zehnjährigen Neffen erinnern: „Die Milch ist kalt.“ – „Ja“ – „Kalte Milch morgens ist nicht gesund.“ – „Wer sagt das?“ – „Ich mag morgens keine kalte Milch!“ – „Ja und?“

Die heutigen Zeiten sind allemal schwieriger als das Problem mit der kalten Milch. Zu den politischen kommen die ökonomischen Fragestellungen und die Beurteilung der Zusammenhänge – was ist wenn dies oder das so oder so kommt – ist ziemlich komplex und dadurch kompliziert und mannigfaltig. Während die Gesellschaftkritiker nur kritisieren, versuchen sich die Populisten in einfachen Antworten. Ich hätte auch sagen können, „wenigstens in einfachen Antworten“, aber das wäre falsch. Bei der Komplexität taugen keine einfachen Antworten zu einfachen Lösungen. Sie erwecken nur den irrigen Eindruck, dass sie es könnten. Nein, was wir brauchen, das sind die Diskussionen – und zwar mit konstruktiven Beiträgen. „Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie“, hat Joachim Gauck gesagt. Genau, in dem Sinne gehört für mich zur Demokratie auch, dass nach dem Meinungsstreit entstandene Meinungsmehrheiten respektiert und toleriert werden und nicht als eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheiten angesehen wird.

Wenn jemand Vorschläge hat, wie das Zusammenleben in einem freiheitlichen Rechtsstaat mit einer pluralistischen Gesellschaftsordnung besser funktionieren könnte, der soll sich melden. Denn das Bessere ist des Guten Feind, nicht allein die Kritik daran!

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Gaucks wichtige Worte

Joachim Gauck 2014 (aus Wikipedia)

Joachim Gauck 2014 (aus Wikipedia)

Bundespräsident Joachim Gauck geht. Am 12. Februar wird die Bundesversammlung seinen Nachfolger wählen. Vor acht Tagen habe ich an dieser Stelle gefragt, ob Deutschland vielleicht wieder so eine „Ruck-Rede“ wie die von vor 20 Jahren vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog braucht – und ob Joachim Gauck eine solche zu seinem Abschied halten könnte? Meine gehegten Zweifel haben sich gestern mit seiner „letzten großen Rede“ bestätigt.

Nein, nach meinem Dafürhalten war seine letzte Rede nicht „eine der großen Reden“, wie sie 1997 von Roman Herzog oder 1985 von Richard von Weizsäcker gehalten wurden. Aber vielleicht wird die Geschichte das später einmal anders beurteilen. Der alte Links-Grantler Wolf Biermann sagte gestern jedenfalls: „Gauck hat während seiner Amtszeit weder sich noch Deutschland blamiert.“ Das so aus dem Munde von Biermann ist unbedingt als Lob zu werten. So wird auch für mich nicht eine einzelne Rede von Gauck nachhaltig in Erinnerung bleiben, sondern seine ewige optimistische Grundhaltung in der Summe seiner Reden. Diesen Optimismus zu bewahren, zumal in nicht einfachen Zeiten, ist dann wohl auch mehr Wert als eine einzelne Rede.

Trotz alledem hat Gauck als Bundespräsident auch klare Worte gefunden und sich positioniert. Ich erinnere an die Münchener Sicherheitskonferenz 2014 – Einsatz der Bundeswehr, sein Bekenntnis zur doppelten Staatsbürgerschaft 2014, oder an seine Aussage zu „Dunkeldeutschland“ 2015. Er sprach auch, anders als die Bundesregierung, 2015 vom „Völkermord an den Armeniern“ und nahm als „Nachbar“ 2016 als erster Bundespräsident am islamischen Fastenbrechen am Ende des Ramadan teil. Das alles und einiges mehr hat ihm nicht nur Lob, sondern auch Kritik eingebracht. Wir konnten uns an ihm reiben. Aber auch das war Gauck: „Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie.“ Wen wundert es also, dass Gauck in seiner letzten Rede mahnt, „Demokratie ist kein politisches Versandhaus“ und fordert: „Verteidigen wir stattdessen die Demokratie als eine Macht, die sich dem Argument anvertraut und sich von ihm leiten lässt“. Am Ende seiner Rede schien mir Gauck wieder so, wie ich ihn schätzen gelernt habe – der unverbesserliche Optimist: „Das, was wir geschaffen haben und was uns am Herzen liegt, werden wir bewahren, entwickeln und verteidigen.“

Dem Theologen Joachim Gauck sei gesagt: „Ihre Worte in Gottes Ohr!“

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Die „Ruck-Rede“ – damals – und heute?

Roman Herzog 2012 (aus Wikipedia)

Roman Herzog 2012 (aus Wikipedia)

Roman Herzog ist tot. Er wird besonders durch seine sogenannte „Ruck-Rede“ in seiner Amtszeit als Bundespräsident nachhaltig in Erinnerung bleiben. Es war am 26. April 1997 bei der Wiedereröffnung des Berliner Luxus-Hotels Adlon, als er sagte: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Vor allen Dingen von den geistigen, von den Schubläden und den Kästchen, in die wir gleich alles legen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, die Großen mehr, die Kleinen weniger, aber es müssen auch alle mitmachen.“

1997, damals war Helmut Kohl seit 15 Jahren Bundeskanzler und das war 7 Jahre nach der Wiedervereinigung. Von einer Euphorie über ein vereinigtes Deutschland war nicht mehr viel zu spüren. Der Absturz der ostdeutschen Wirtschaft und Millionen Arbeitslose überforderten den Bundeshaushalt und die Sozialversicherungen. Deutschland machte immer mehr Schulden, die Steuern und Sozialbeiträge für die Bürger stiegen, ein Reformstau war unübersehbar. So sorgte Herzogs „Ruck-Rede“ wegen dieser unbequemen Wahrheiten und seiner sprachlichen Direktheit für eine große Resonanz.

Der „Ruck“ sah dann so aus und wird mit den zwei Begriffen „Agenda 2010“ und „Hartz-IV“ noch ebenso lange in Erinnerung bleiben: Helmut Kohl verlor die Bundestagswahl 1998, Gerhard Schröder wurde Bundeskanzler und mit ihm gab es tiefgreifende Veränderungen in der Sozial-, Renten- und Gesundheitspolitik. Davon mag jeder halten was er will, aber das waren die Grundlagen dafür, dass Deutschland trotz der Krisen heute so gut dasteht wie es dasteht. Soviel „Ruck“ war für die Wählerinnen und Wähler dann aber doch zu viel, weil gefühlt doch nicht alle mitgemacht haben und die Kleinen mehr Opfer bringen mussten als die Großen. Schröder wurde nach 7 Jahren abgewählt.

Und heute? Seit 2005, seit fast 12 Jahren, heißt unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im Herbst wird ein neuer Bundestag gewählt – und Deutschland ist gesellschaftlich gespalten wie seit 1945 noch nie, scheint auf dem Weg von einem Rechtsstaat zu einem Rechts-Staat zu sein. Vielleicht braucht Deutschland wieder so eine „Ruck-Rede“ wie die von Roman Herzog vor 20 Jahren? Aber wer sollte bzw. könnte die halten? Ein Bundespräsident Joachim Gauck, bevor er in ein paar Wochen aus dem Amt scheiden wird? Ich habe Zweifel.

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Zur Besinnung kommen

Ein Text von Markus Drescher, stellvertretender Ressortleiter Inland beim ND. Markus Drescher wünscht uns schöne Weihnachten zum Nachdenken. Ich schließe mich dem kommentarlos an:

Gott sei Dank. Dieses (hier bitte ein Fäkalwort ihrer Wahl einsetzen) Jahr geht zu Ende. Aber besteht Grund zur Hoffnung, dass das nächste besser wird? Wohl nicht. Außer, ja außer die besinnlich genannte Zeit wird genutzt, um zur Besinnung zu kommen.

Terroristen morden, zerstören, wollen Angst und Schrecken verbreiten. Das ist allerdings schon alles, was sie können. Sie bringen nicht die »westlichen Werte« zu Fall. Haben nicht die Macht, an Rechten, Lebensweisen, Mitmenschlichkeit zu rühren. Dafür brauchen sie Komplizen.

Die sie mit den großen und kleinen Seehofers dieser Republik, Pegida, AfD, all den erbärmlichen Hetzern im Netz nicht einmal lange zu suchen brauchten. Mehr als bereitwillig erfüllen sie die Aufgaben, die ihnen der »IS« zugedacht hat: Freiheiten einschränken, das Grundgesetz liquidieren, den Hass der Terroristen in die Gesellschaft tragen und ihnen zum Sieg verhelfen.

All ihr selbst ernannten Verteidiger des christlichen Abendlandes: Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe. Abschottung und Ausgrenzung (die Jesus und seine Familie in der Weihnachtsgeschichte ja selbst erfahren) sind definitiv die falschen Schlussfolgerungen für jemanden, der sich christlich nennt.

Ist zu diesem Weihnachtsfest die Zeit gekommen, da Innehalten und Insichgehen die Dinge zum Besseren wendet? Uns auf ein weniger schreckliches kommendes Jahr hoffen lässt?

Es wäre ein wahres Weihnachtswunder. Und so nötig.

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Berlin – innehalten ja, aber ich hab‘ da mal ’ne Frage:

Berlin. Während die Nation am Montagabend nach dem fürchterlichen Anschlag bestürzt ist und trauert, gibt es in den Social Medias aus der rechten Ecke reflexartig die ersten postfaktischen Schuldzuweisungen: Merkels Politik, die Flüchtlinge, die Muslime, usw.. Dabei fällt ein Tweet vom Pegida-Bachmann, 2 Stunden nach dem Attentat, ins Auge:

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Etwa zu dieser Zeit gab es die ersten Agenturmeldungen, dass ein Flüchtling afghanischer oder pakistanischer Herkunft als Tatverdächtiger festgenommen worden sei. Mittlerweile wissen wir, dass der Festgenommene als Täter ausscheidet und dass seit gestern nach dem 24jährigen Anis Amri aus Tunesien gefahndet wird, der 2011 als Minderjähriger über die italienische Insel Lampedusa nach Europa kam.

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Ich glaube per se nicht an Zufälle. Deshalb drängt sich mir die Frage auf: „Woher hatte Rechtsaußen-Bachmann seine Information? Kann es sein, dass die Polizei viel eher Hinweise auf diesen jetzt tatverdächtigen Tunesier hatte, als sie erklärt hat – und gibt es ein Leck in der Polizei?“

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Innehalten – statt Schuldzuweisungen

Montagabend. Mein Handy plingt. SPON sendet eine Push-Nachricht: „Lkw rast in einen Berliner Weihnachtsmarkt, mehrere Tote.“ Ich mache den Fernseher an – und bin erschüttert. Dabe…

Quelle: Innehalten – statt Schuldzuweisungen

Morgens im Büro

Es ist viertel nach acht. Im Radio auf NDR2 läuft die Versteigerung eines Bildes von Udo Lindenberg im Rahmen der Spendenaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“. Im letzten Jahr betrug der Gesamterlös 27.416,31 € zugunsten der Flüchtlingshilfe. In diesem Jahr wird der Auktionserlös dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband zugute kommen. Insgesamt werden 34 Zeichnungen bekannter Künstler und Sportler zum Erwerb angeboten.

Jetzt, 10 Minuten vor Auktionsschluss um acht Uhr dreißig, meldet der Moderator „sagenhafte“ 20.000 € und einen Cent als aktuelles Höchstgebot.

Ich bin gespannt. Mitbieten kann ich nicht, die Summe bewegt sich weit außerhalb meiner Gehaltsklasse. Während ich auf das Ergebnis warte, zwei Sachen:

„Postfaktisch“ ist zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden. Warum? Nur weil es ein neu gebräuchlicher Begriff ist? „Postfaktisch“ gab es schon immer, nur nannte man es früher Lügen, Märchen oder eine haltlose Behauptung. Neu ist das also nicht, Unwahrheiten, Populismus und Intrigen gibt es seit Menschengedenken.

Olympia-Aus für ARD und ZDF: Die letzten Olympischen Spiele waren vorerst die letzten, über die – mit großem Aufwand – unsere öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten berichtet haben. Ist das schlimm? Nein! Zum einen werden andere Sender übertragen, zum anderen gilt es auch sorgsam mit unseren Gebühren umzugehen. Nicht jeden interessiert der von Korruption und Doping verseuchte Sport. Schon gar nicht die aufgeblähten Großveranstaltungen, zumal wenn sie sich auch noch nachteilig auf die heimische Bevölkerung auswirken. Das Aus ist die große Chance für ARD und ZDF, hintergründig und kritisch auf den Sport zu schauen. Vielleicht interessieren sich dann auch wieder mehr Menschen dafür.

Nun das Resultat – und ich finde die Spendenbereitschaft großartig:

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